Irgendwo zwischen Schützenzelt und Achterbahn ist mir gestern meine Stimme abhanden gekommen. Wahrscheinlich hat sie sich bei der letzten Loopingschleife aus dem Staub gemacht oder aber ist in der Radlermaß ersoffen. Einer der vielen, die man braucht, um die Riesenbrez’n runterzuspülen und den ganzen Wies’n-Wahnsinn zu ertragen, dem ich mich – Exilbayerin erst in Giessen, dann Leipzig, später Florenz und irgendwann in Hamburg – jahrelang erfolgreich entzogen habe.

Denn obwohl „a waschecht’s Münchner Kind’l“, mag ich eigentlich kein Bier. Auch keine Schweinshax’n oder Weißwürscht. Vielleicht liegt meine Hopfen- und Malz- Allergie daran, dass ich mit 16 nach (zugegeben über den Tag verteilten) sieben Maß im Sankerzelt (auf hochdeutsch: Rettungssanitäter) gelandet bin, bewacht von zwei kleptomanisch veranlagten Kumpels, die mich nach erfolgreich absolvierter Infusionstherapie Huckepack zur Hackerbrücke tragen mussten. Noch heute putzt meine Mutter mit den Gummihandschuhen des Roten Kreuzes, die die beiden mir in den Rucksack schmuggelten, das Familienbad. Und noch heute kann ich mich nur bedingt am Gerstensaft festhalten.

Schlimmer als Bier sind eigentlich nur noch Weißwürscht. Nun habe ich aber zwei Brüder mit ausgeprägtem kulinarischem Patriotismus und die sind der Meinung, dass die verlorene und völlig aus der Übung gekommene Schwester dringend an ihrer Weißwurscht-Kultur feilen muss. Das Etikett des schwarzen Schafs klebt zwar unauslöschlich an mir, aber ich will ja kein Spielverderber sein.

Pur zum Frühstück krieg ich die bleichen Dinger allerdings beim besten Willen nicht runter. Ich nehme todesmutig die Flucht nach vorn und zwar in Form eines Schummelrezepts, abgekupfert von der Lust auf Genuss, die ihren Stammsitz in der Hauptstadt der Weißwurst hat.

Eingeschmiegt zwischen Bratkartoffeln, rotem Radi und einem ordentlichen Bund Schnittlauch schaff’ sogar ich die Weißwurscht-Hürde.

Und beim Bier? Gibt’s einen einfachen Trick: Die erste Maß schmeckt nicht, bei der zweiten geht’s dann schon von ganz allein.

Lauwarmer Salat von Bratkartoffeln mit rotem Radi, Weißwürscht und Senfdressing

Zutaten für 4 Personen

  • 1 mittelgroßer roter Rettich (alternativ: 1 Bund Radieschen)
  • 3 Weißwürste
  • 600 g kleine Salatkartoffeln, festkochend (z.B. Sieglinde oder Linda)
  • ca. 50 g Butterschmalz
  • Salz, Pfeffer
  • 100 ml kräftige Fleischbrühe
  • 1 EL süßer Senf (es geht aber auch Dijon-Senf à l’Ancienne plus etwas Honig)
  • 2 EL Weißweinessig
  • 2 EL Rapsöl
  • 2 EL Olivenöl1 Bund Schnittlauch
  • Cayennepfeffer
  • frische Rettichsprossen oder Kresse

Zubereitung

1. Den roten Rettich oder die Radieschen waschen, putzen und in dünne Scheiben schneiden oder hobeln. In eine Schüssel geben.

2. Wasser zum Kochen bringen. Weißwürste darin ca. 10 Minuten ziehen lassen. Herausnehmen, lauwarm abkühlen lassen, pellen und ebenfalls in Scheiben schneiden. Zu den Rettischscheiben in die Schüssel geben.

3. Die Kartoffeln gut waschen, ungeschält mit einem Gemüsehobel oder einem scharfen Messer in ca. 2 mm dünne Scheiben schneiden. In einer großen beschichteten Pfanne in heißem Butterschmalz langsam goldbraun und knusprig braten, dabei nur gelegentlich wenden. Salzen, pfeffern und in die Schüssel geben.

4. Für die Vinaigrette: Brühe erhitzen und mit Senf, Essig sowie den Ölsorten verquirlen. Vinaigrette über Kartoffeln, Rettich und Weißwurstscheiben träufeln, alles miteinander vermischen. Schnittlauch in feine Ringe schneiden, unter den Salat heben. Kartoffelsalat mit Salz und Cayennepfeffer abschmecken und mit den Rettichsprossen/ der Kresse bestreuen.

Zubereitungszeit: 40 Minuten

Wenn’s schee macht: ★★★★☆

Quelle: Lust auf Genuss 3/2011